21. April 2020

G7-Studie zu Corona aus Bürgersicht: Jetzt nicht nachlassen, sonst gilt „zu früh gefreut“


Die Deutschen nehmen es weniger genau mit der Umsetzung von sinnvollen Verhaltensregeln zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus

München, 20. April – Ein Blick auf die zweite Welle der umfassenden Studie zu den Auswirkungen des Coronavirus auf die Gesellschaften der G7-Staaten (Erhebungszeitraum vom 9. bis 13. April) zeigt, dass die Deutschen auf den bisher im Vergleich zu den anderen G7-Staaten eher milden Verlauf der Coronakrise sehr froh sind.

Studiendownload: Wahrnehmung von COVID-19 in den G7-Staaten Welle #2(PDF)

Das Gegenteil von „German Angst“ wird sichtbar, wenn sich in Deutschland keine zwei Drittel (62 Prozent) der Erwachsenen besorgt zeigen, dass sich Corona negativ auf ihre eigene Gesundheit auswirken könnte. In allen anderen G7-Staaten machen sich mehr als drei Viertel der dortigen Bürger Sorgen um ihre eigene Gesundheit. Im Vergleich zur ersten Erhebung Mitte März (68 Prozent) ist in Deutschland, gegen den Trend der G7-Staaten, die Sorge rückläufig. Außer in Italien (-21) ist die Sorge in allen weiteren G7-Staaten in der Zwischenzeit gestiegen (+5).

Doch nicht nur um die eigene Gesundheit machen sich die Deutschen weniger Sorgen. Auch bei der Sorge um Familienangehörige (72 Prozent, -6) und die Menschen im Land allgemein (76 Prozent, -5) sticht Deutschland unter den G7-Staaten als das Land hervor, in dem sich die Bürger am wenigsten Sorgen machen (müssen) und dies daher im Vergleich zum März daher auch weniger tun.

Dazu trägt maßgeblich bei, dass mit fast zwei Dritteln (64 Prozent, +8) die Deutschen  die öffentliche Infrastruktur im Vergleich der G7Staaten zusammen mit Großbritannien (63 Prozent, +6) und Kanada (62 Prozent, -3) besonders oft als (sehr) gut vorbereitet bewerten. Vor allem in Frankreich (29 Prozent, -4) und Japan (34 Prozent, -9) kann deren Infrastruktur dagegen nur eine Minderheit von ihrer bisherigen Leistungsfähigkeit überzeugen.

Einkommensauswirkungen und Umsatzeinbußen in Deutschland

Auch bei der Frage nach den Auswirkungen auf das eigene Einkommen sticht Deutschland im Vergleich der G7-Staaten hervor. Hierzulande berichten fast drei Fünftel (58 Prozent, +4), dass sich das Coronavirus bereits auf das eigene Einkommen ausgewirkt hat (24 Prozent) oder es zukünftig wohl tun wird (34 Prozent). Beim Blick über den nationalen Tellerrand hinaus fällt auf, dass in den anderen G7-Staaten (72 Prozent, +1) mindestens zwei Drittel der Bürger solche negativen Erfahrungen berichten oder erwarten.

In Bezug auf die Höhe der Einkommensverluste greifen in Deutschland u.a. mit dem Kurzarbeitergeld für abhängig Beschäftigte soziale Absicherungen, die dazu führen, dass im Vergleich der G7-Staaten weniger als jeder Fünfte mit Einkommensverlusten (19 Prozent) von einer Einbuße zu berichten hat, die über die Hälfte des eigenen Einkommens ausmacht. Auch in Frankreich (15 Prozent) reißt Corona solche Lücken seltener, als dies vor allem in Kanada (34 Prozent) und den USA (33 Prozent) zu sehen ist.

So sind in Deutschland fast zwei Drittel der Bürger (64 Prozent) damit (sehr) zufrieden, wie die Bundesregierung Menschen unterstützt, die Einkommensverluste durch Corona zu verzeichnen haben. Doch auch die Belange der Wirtschaft werden aus Sicht einer ebenso breiten Mehrheit der Bundesbürger (65 Prozent) hinreichend berücksichtigt. Betriebe, die wegen Corona schließen mussten oder Umsatzeinbußen hatten, werden entsprechend unterstützt. Beim Blick auf die G7-Staaten kommen aus Sicht der Bürger auch in Kanada und Großbritannien die so ergriffenen Maßnahmen umfassend an. Vor allem in Japan und Italien ist die Sicht darauf deutlich kritischer.

Erwartungen an die Dauer der Maßnahmen und die Rückkehr zur „Normalität“

Doch die Untersuchung macht auch deutlich, dass mit dem Erfolg der bisherigen Maßnahmen gewisse Schattenseiten verbunden sind.

So herrscht unter allen Bürgern der G7-Staaten eine gewisse Uneinigkeit, wie es denn um den weiteren Fortgang der erforderlichen Maßnahmen bestellt ist. Fast jeder fünfte Bundesbürger (19 Prozent) erwartet, dass das gewohnte Leben bereits bis spätestens Ende Juni in Deutschland wieder eingekehrt ist. Im gleichen Umfang (20 Prozent) geht ein nicht unwesentlicher Anteil der Deutschen davon aus, dass dies erst frühestens im nächsten Jahr der Fall sein wird. Hier treffen politische Entscheidungsträger auf sehr unterschiedliche Erwartungshaltungen in der Bevölkerung, die es in der politischen Kommunikation der erforderlichen Maßnahmen, den notwendigen Zwischenbilanzen und dem Gesamtzeitplan zu berücksichtigen gilt.

Umsetzung der Verhaltensregeln in Deutschland

Außerdem macht die G7-Studie von Kantar sichtbar, dass die Deutschen im Vergleich der G7-Staaten in ihren Verhaltensanpassungen nicht die vielleicht stereotypische deutsche Gründlichkeit an den Tag legen.

Bei der Umsetzung von sinnvollen Verhaltensregeln zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus nehmen es die Deutschen weniger genau als die Bürger in den meisten anderen G7-Staaten. Egal ob es beispielsweise um die Selbstisolierung zu Hause (41 Prozent), das Tragen eines Mundschutzes (27 Prozent) oder um das häufigere und längere Hände waschen (73 Prozent) geht – die Deutschen fallen hier in ihrem Verhalten jeweils deutlich hinter den anderen G7-Staaten zurück. Vor allem Italien sticht hier hervor. Das deutlich größere Ausmaß der Auswirkungen ändert hier das Verhalten der Bürger grundlegend und sorgt für eine neue soziale Normierung. So isolieren sich fast drei Viertel (74 Prozent) zu Hause. Noch mehr (81 Prozent) tragen inzwischen einen Mundschutz und sogar fast neun von zehn Italienern (86 Prozent) geben an, sich häufiger und länger die Hände zu waschen.

Mit der nun in Deutschland ins Auge gefassten Lockerung der Maßnahmen zur Eindämmung der Ausbreitung des Coronavirus wird die genaue Beobachtung der Entwicklung der Infektionszahlen einhergehen. Sind die Deutschen bislang in breiter Mehrheit (73 Prozent) der Auffassung, dass die Bürger in Deutschland (sehr) gut an der Eindämmung mitwirken, so wird es gerade bei der Lockerung darum gehen, die nun neuen sinnvollen Verhaltensregeln zu befolgen.

„Wir sind in Deutschland in der Coronakrise bislang auf einem guten Weg. Gerade der Blick über den nationalen Tellerrand macht jedoch auch deutlich, dass wir uns nicht in einer trügerischen Sicherheit eines leistungsstarken Gesundheitssystems wiegen dürfen“, gibt Ingo Leven als der deutsche Leiter der G7-Studie von Kantar zu bedenken. „Denn auch solch ein leistungsstarkes System kann zukünftig allzu schnell an seine Grenzen geraten, wenn die Lockerung der Maßnahmen von zu wenig Bereitschaft zur Einhaltung der dabei erforderlichen Verhaltensregeln begleitet wird. Vielmehr sollten wir alle gemeinsam die kleinen Erweiterungen unsere Möglichkeiten aufgrund der Lockerungen bewusst genießen. Denn nur so können wir im weiteren Verlauf Schritt für Schritt die nächsten Erweiterungen in den Blick und nicht vorwegnehmen.“

Informationen zur Methodik

Zwischen dem 9. und 13. April 2020 wurden insgesamt 7.006 Online-Interviews mit Erwachsenen (16+) durchgeführt, die in den G7-Staaten Kanada (1.000), Frankreich (1.000), Deutschland (1.000), Italien (1.001), Japan (1.003), Großbritannien (1.001) und den USA (1.001) leben. Die Interviews wurden online mit dem Kantar-Online-Panel als Stichprobenquelle durchgeführt.

Die Daten wurden nach Alter, Geschlecht und Bildung für jedes Land im Bezug auf die Bevölkerungsgröße gewichtet. Für die Ergebnisse über alle G7-Länder hinweg wurden die Länder entsprechend ihrer Bevölkerungsgröße gewichtet.

[1] Die Ziffern mit Vorzeichen in Klammern geben die Veränderung in Prozentpunkten im Vergleich zur ersten Forschungswelle an, die in der G7 (Kanada, Frankreich, Deutschland, Japan, Italien, Großbritannien und den Vereinigten Staaten von Amerika.) zwischen dem 19. und 21. März durchgeführt und am 25. März veröffentlicht wurde.

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